10 Tipps zum Umgang mit schwierigen Bietern – Der Arglose (3)*

Haben Sie manchmal elterliche Instinkte im Umgang mit Ihren Auftragnehmern oder Bietern? Möchten Sie sich schützend vor sie stellen? Tun Sie die Frage nicht als bescheuert ab, ich erlebe das oft bei Auftraggebern: die Angst davor, dass der Auftragnehmer sich übernimmt, scheitert und alles gegen die Wand fährt.

Reiner Eigennutz?

Seien Sie jetzt bitte nicht zynisch. Es nicht bloß reiner Eigennutz, aus dem heraus Sie bestimmte Fragen im Vergabeverfahren stellen. Sie prüfen die Auskömmlichkeit der Preise doch nicht bloß, weil Sie Ihre Anstellungskörperschaft vor einer Auftragnehmer-Insolvenz schützen möchten. Das ist sicherlich der Hauptgrund, aber kommt Ihnen nicht manchmal auch der Gedanke, wie der Bieter das denn schaffen will?

Oder denken Sie an die Eignungsprüfung. Was ist denn da die eigentliche Leitfrage? Sie fragen sich doch, ob der Bieter von seinen Kapazitäten her „überhaupt“ in der Lage ist, den Auftrag zu erledigen. Schützen Sie ihn nicht allein durch diese Frage auch ein wenig vor sich selbst? Ist dies nicht zumindest eine in Kauf genommene Nebenfolge, dieser Schutz-vor-sich-selbst?

Ich sage nicht, dass Sie es beabsichtigen, schon gar nicht an erster Stelle. Sie arbeiten für den Auftraggeber, vermutlich ist er Ihr Brötchengeber, und somit haben Sie seine Interessen im Blick. Sie denken mutmaßlich an das Gesamtprojekt, Gewinnmaximierung ist Ihnen fremd, und so gibt es einen gewissen Interessengegensatz zum Bieter und Auftragnehmer, den ich – als Anwalt! – bestimmt nicht wegdiskutieren werde. Aber ist Ihnen noch nie der Gedanke gekommen, dass Sie mit einer bestimmten Handlung im Vergabeverfahren oder im anschließenden Vertragsverhältnis recht eigentlich Ihrem Auftragnehmer einen Gefallen tun? Ich glaube nicht, dass Sie nur an Ihren Arbeitgeber und sich selbst denken. Ich glaube an Ihre Empathie und an Ihre Umsicht, weil ich sie schon oft bei Auftraggeber-Mitarbeitern beobachtet habe. Freilich nicht bei allen, das will ich auch sagen. Aber eben doch bei einigen.

Paternalismus und Arglosigkeit

Wenn Sie – gelegentlich – diese elterlichen Gefühle in sich spüren, also wie ein Vater oder eine Mutter für das eigene Kind empfinden – ich sage noch mal: gelegentlich –, dann kennen Sie ihn: den Arglosen. Es ist der Arglose, der diese Gefühle, wenn sie auch in Ihnen wohnen, wecken wird. Machen Sie sich ruhig einmal ein Bild von diesem Bieter, Sie werden ihn wiedererkennen:

Ich rede vom Geschäftsführer eines lokalen Familienbetriebs, dessen Buchhaltung die Ehefrau am Wochenende erledigt, der letztes Jahr an Krebs erkrankt ist, und der die Formvorschriften des Vergabeverfahrens auch nach 30 Jahren Berufserfahrung nicht begreifen kann und in der Mittagspause zu Ihnen ins Büro kommt, um die Dinge zu klären. Im ernsten Glauben, das würde etwas ändern.

Ich rede vom jugendlich wirkenden Auftragnehmer-Vertreter, der immer einen Scherz auf den Lippen hat, niemals nörgelt oder mosert und widerstandslos jede Zusatzaufgabe erledigt, die Sie ihm zurufen, ohne zuerst übers Geld reden zu wollen.

Ich rede von unfassbar höflichen Mitarbeiterin eines ausländischen Bieters, die in einem antiquiert wirkenden, gebrochenen Deutsch versucht zu erklären, warum sie die Frist nicht wahren konnte, und sich dabei noch ständig entschuldigt für die Umstände, die sie offenbar bereitet.

Jeder hat seinen eigenen Arglosen

Und? War da jemand dabei? Haben Sie Ihren Arglosen gefunden? Das Gute ist, wir alle haben unsere jeweils eigenen Arglosen. Unsere eigenen Sozialfälle, denen wir über die Schwelle helfen wollen, freilich in den Grenzen des Rechts. Sie sprechen etwas in uns an, sie bringen eine Saite zum Klingen, die einfach dazugehört. Schämen Sie sich nicht, im Gegenteil. Ganz schlimm sind doch eigentlich nur diejenigen, die sich in solchen Situationen jede menschliche Regung verbieten. Diejenigen, die Handlungsspielräume ungenutzt lassen, auch wenn es Sie nur ein oder zwei Telefonate kosten würde.

Der elterliche Auftraggeber lässt den Bieter nicht in sein Unglück rennen, er argumentiert mit Fairness und Anstand. Er stellt den Projekterfolg heraus, gemeinsame Ziele und das Verbindende. Auch wenn er es nicht immer im Munde führt.

*Dieser Rechtstipp ersetzt keinen anwaltlichen Rat im Einzelfall. Er ist naturgemäß unvollständig, auch ist er nicht auf Ihren Fall bezogen und stellt zudem eine Momentaufnahme dar, da sich gesetzliche Grundlagen und Rechtsprechung im Lauf der Zeit ändern. Er kann und will nicht alle denkbaren Konstellationen abdecken, dient Unterhaltungs- und Erstorientierungszwecken und soll Sie zur frühzeitigen Abklärung von Rechtsfragen motivieren, nicht aber davon abhalten.